Abstract
Philosophen scheinen sich nur über wenige Thesen einig zu sein; die Kontroverse scheint der Normalfall. Können wir vor diesem Hintergrund guten Gewissens von „Fortschritt“ in der Philosophie sprechen? Im Rahmen dieses Aufsatzes wird dafür argumentiert, dass die Diagnose, die Philosophie erziele keine nennenswerten Fortschritte (nicht selten gepaart mit dem Urteil, sie sei ja ohnehin keine richtige Wissenschaft), während Natur- und Technikwissenschaften rasant voranschritten, fehlgeleitet ist. Dabei wird zunächst erörtert, welche Argumente üblicherweise gegen die Existenz philosophischen Fortschritts vorgebracht werden, und in einem nächsten Schritt auf die Frage eingegangen, in welchem Verhältnis die Philosophie zu denjenigen Wissenschaften steht, denen nahezu vorbehaltlos Fortschritte zugeschrieben werden. Drei unterschiedliche Konzeptionen philosophischen Fortschritts werden diskutiert: i) die Elimination als falsch erwiesener Positionen oder logisch-begrifflicher Widersprüche, ii) die Präzisierung philosophischer Probleme und ihrer Lösungsvorschläge, sowie iii) die Aktualisierung philosophischer Konzepte und Positionen angesichts neuer Erkenntnisse anderer Wissenschaften oder soziokultureller Veränderungen. Es wird schließlich die Position eingenommen, dass die Philosophie als Teil eines methodisch differenzierten Wissenschaftsgefüges anzusehen ist, dessen einzelne Disziplinen durch Familienähnlichkeiten zusammengehalten werden, und den eigenen Anspruch auf Erkenntnisfortschritt und Wahrheitsermittlung keineswegs aufgeben muss.