Psyche 71 (5):389-411 (
2017)
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Abstract
Dass deutsche Ärzte während des Nationalsozialismus hunderttausende Menschen zwangsweise sterilisieren halfen und viele zehntausend Psychiatriepatienten und Anstaltsbewohner töteten, bleibt bis heute verstörend. Solche Verbrechen waren nur möglich, weil, neben politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, Komplexität vereinfachende Ideologien auf einer Massenebene an individuelle regressive Abwehrstrukturen der Täter anknüpften. In der Psychiatrie des NS entfaltete sich das destruktive Potential der kollektiv geteilten Phantasmen von Reinheit und Nation. Anhand von historischen Kreuzungspunkten lässt sich zeigen, dass sozialpsychologische Dynamiken und gesellschaftliche Prozesse sich wechselseitig radikalisierten. Diese Radikalisierungsprozesse werden an drei Wegmarken aufgezeigt: 1933, als das Zwangssterilisationsgesetz verabschiedet wurde, 1942, als die zentrale Vernichtungsaktion gegen psychisch kranke Menschen in dezentraler Weise fortgesetzt wurde, und 1947, als die zaghaften Versuche der Aufklärung in bleiernes Schweigen übergingen. Dabei wird u.a. auf die Schriften von Annemarie Wettley zurückgegriffen, die sich als eine der wenigen mit ihren Taten auseinanderzusetzen versuchte.